Rückblick: Nairobi ade, …

Mit den Rückblicken möchten wir zeigen, wie der Stein ins Rollen kam. Es handelt sich um den „privaten Newsletter“ von Simon an Familie und Freunde, den er während seiner Zeit in Kenia in unregelmäßigen Abständen aus Kenia verschickte.

„Nairobi ade, …“, 09.02.2008

Liebe Freunde!

Lange ist es her, als ich das letzte Mail geschrieben habe. Heute ist es wieder einmal an der Zeit euch über meine Lage und Pläne zu informieren.

Die letzten drei Wochen waren sehr ereignisreich, da ich mit dem Roten Kreuz Kenia in einem Flüchtlingslager in Nairobi gearbeitet habe. Das Lager war für Internal Displaced Persons (IDP’s) bestimmt, die wegen ihrer Stammesangehörigkeit aus den Slums und anderen verschiedenen Teilen des Landes flüchten haben müssen. Ich war die meiste Zeit im Warenhaus eingeteilt, wo wir Spenden sortierten und an die IDP’s weitergaben.
Nach ca. einer Woche Arbeit- (das Camp war schon 1 Monat offen) wollte die Regierung das Camp schließen – der Grund war mir nicht klar. Wir bereiteten die IDP’s auf das Gehen vor und gaben ihnen ein Carepaket mit den wichtigsten Dingen die man zum Leben braucht(Berechnet für ein Monat). Das Problem war jedoch, dass die meisten Leute nicht wussten wo sie hingehen sollten, da die Leute wegen denen sie geflüchtet sind immer noch dort waren, oder sie ganz einfach kein Haus mehr hatten weil es dem Feuer zum Opfer gefallen ist.
Die Regierung wollte das Camp von einem Tag auf den anderen geschlossen haben, aber da ca.6000 Leute im Camp waren und es ein riesiger logistischer Aufwand war, dauerte es eine ganze Woche(von Mittwoch bis Mittwoch).
Am Freitag erlebte ich Unfassbares: Ein Politiker der Regierung kam, und beklagt sich, dass das Camp noch immer offen sei und beschuldigte das Rote Kreuz für langsames, unkoordiniertes Arbeiten. Er drohte mit Storys für die Medien usw. Als er aber unser Warendepot sah, meinte er, wir könnten ihm ein paar Kilogramm Maismehl geben, dann wäre er auch zufrieden. Das ist Korruption auf höchstem Niveau. Wie man sieht ist den Politikern die eh schon Unmengen verdienen (Kenias Minister sind eine der best bezahlten Minister in der Welt) die Bevölkerung komplett egal und sie nehmen den Ärmsten sogar noch das Essen weg!!
Gott sei Dank ist das Rote Kreuz Kenia sehr professionell und ist somit auf die Forderungen des Politikers nicht eingegangen. Für mich war das Arbeiten dort teils sehr anstrengend (physisch und psychisch) aber auf der anderen Seite eine sehr tolle Erfahrung mit viel Glücksgefühl. Physisch, weil wir jeden Tag Tonnen von Maismehl, Milch u andere Lebensmittel geschleppt haben (reine Muskelkraft) und psychisch, weil hinter jedem IDP eine oft sehr tragische Geschichte steckt. Die schlimmsten Ereignisse für mich waren immer, wenn Kinder ihre Eltern verloren haben, zum Teil sogar mit ansehen mussten wie es geschah. Diese Kinder sind sehr traumatisiert und leben zum Teil nun in einer Scheinwelt,…
Sehr schön war es, wenn Kinder gekommen sind und wir sie neu eingekleidet haben. Sie sind oft in nassen Fetzen, barfuss im Warenhaus angekommen und als Prinzessinnen und Gentlemen wieder hinausgegangen.

Als das Camp geschlossen war, und wir alle Lebensmittelvorräte usw. zum Hauptquartier gebracht haben, begann die zweite Gewaltwelle in Zentralkenia. So wurde das Camp wieder aufgemacht, die Lebensmittel wieder zurück verfrachtet und die Leute kamen in Strömen. Ich arbeitete bis letzten Donnerstag dort. In den letzten drei Wochen habe ich sehr viel erlebt, positiv und negativ. Aber ich möchte es nie missen.
Auch das Team vom Roten Kreuz war sehr toll. Es lag eine besondere Atmosphäre im Raum, da jeder freiwillig arbeitete und wirklich alles gab. Am Abend waren wir immer total K.O. aber es war ein schönes Gefühl, weil wir wussten, dass unsere Arbeit wirklich gebraucht wurde und (lebens-) wichtig für diese Menschen ist. Der Abschied gestern vom Team war sehr schwer. Aber die Schule in Migori hat nun geöffnet und der Weg nach Migori ist sicher. Also entschloss ich mich meine Sachen zu packen, die dreckige Großstadt hinter mir zu lassen und wieder zu meiner lieben Gastfamilie zu fahren. Und so verlasse ich nun Nairobi mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

Weil ich auch viele Fragen über eine verfrühte Heimreise bekommen habe, möchte ich das auch noch kurz anschneiden: Natürlich habe ich darüber nachgedacht. Für mich bestand jedoch niemals Gefahr. Ich habe auch mit meiner Familie in Österreich viel Kontakt gehabt, die haben mich immer voll unterstützt und mir in meinen Entscheidungen vertraut. DANKE Mama, Papa und Elisabeth!!
In Migoritown hat es zwar Unruhen gegeben, aber in meinem Dorf im Busch war es immer ruhig. Das einzige Problem war, dass sie keine Lebensmittel, Paraffin usw. einkauften konnten.
Auch sie freuen sich sehr über meine Rückkehr. Ich werde morgen Sonntag von Nairobi über Narok und Kisii heimfahren und mich wieder auf das Landleben ohne Internet und Strom einstellen,… (Aber dank Kurts Solarlampe wird’s ja richtig komfortabel dort DANKE)

Ich wünsch euch allen ganz liebe Grüsse aus dem sonnigen Kenia

Simon

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